Die zwöüti Frou

Emil Balmer – ein Meister der Sprache

«Wer kannte ihn nicht in Stadt und Land, wer grüsste ihn nicht freudig, wenn er daherkam unter dem flachen, grauen Hut, die rote Nelke im Knopfloch und winters mit der flatternden Pelerine!» Emil Balmer war zu Lebzeiten in der ganzen Schweiz so bekannt geworden, dass Arnold Schwengeler mit gutem Grund annehmen konnte, dass alle – vom Bodensee bis hinunter an den Léman – diesen Botschafter bernischen Wesens kannten. Das war im Jahre 1966. Emil Balmer starb damals, 76jährig, in Bern als einer der gefeiertsten und erfolgreichsten Autoren der bernischen Mundartbühne.

Auch zum Heimatschutz-Theater Olten pflegte Emil Balmer eine enge Beziehung, sodass er lange als dessen eigentlicher Hausautor betrachtet wurde. Und das mit gutem Grund, denn die Oltner übernahmen alle seine grossen Werke auf ihre Bühne, und die Aufführungen wurden auch immer überaus gerne und zahlreich besucht.

«Die zwöüti Frou» ist – neben anderen Werken von Emil Balmer – zu einem Klassiker des Dialekttheaters geworden. Balmer hat es immer verstanden, feinen Humor auch in seinen ernsten Spielen anzusiedeln. Es sind nie sensationelle, dramatische Effekte, mit denen Balmer seine Zuschauer fesselt; auf diese Mittel wollte und brauchte er nicht zurückzugreifen. Wohl aber kannte er sich aus im Denken und Fühlen der einfachen Menschen. Ihren Problemen ist Emil Balmer mit feinem psychologischem Spürsinn nachgegangen, und nicht zuletzt deshalb hat ihn «sein» Volk geliebt und verstanden. Wie kein anderer Berner Mundartdichter seiner Generation lebte er im Herzen des Volkes, aus dem er hervorgegangen ist und dem er mit seinem Werk aufs innigste verbunden bleibt.

Für das Bühnenbild forderte Emil Balmer ganz im Sinne der Heimatschutztheater einen strengen Naturalismus. Die Darstellungsweise des Heimatschutztheaters hatte damals vor allem natürlich und lebenswahr zu sein. Die Geranien vor den Fenstern waren echt, ebenso die Zupfe, die Hamme und das Brot auf dem Tisch, die Sumiswäldere an der Wand tickte und zeigte die genaue Uhrzeit an.

Paul Eggenberg schrieb über Emil Balmer: «Gäng und überall het er d’Begägnig mit em Mönsch gsuecht und mit syr härzleche Art gly offeni Türe gfunde. Keis Wunder, dass er zu mene Mönschekenner worden isch, wie me’s nid hüffig findt. Und das isch zu eire vo de wichtige Vorussetzige zu sym ryche und vo Erfolg g’chrönte schriftstellerische Wärk worde, het ihm d’Müglechkeit ggä, us em Volle, us der pulsierende Gägewart z’schöpfe, d’Alltagsproblem z’gstalte und derdür syner Läser ganz diräkt azspräche.»

Wir sind überzeugt, dass sowohl die langjährigen Freunde des Heimatschutz-Theaters Olten als auch erstmalige Besucherinnen und Besucher an Emil Balmers «Die zwöüti Frou» ihre Freude haben und hoffen, dass sie das Theater bereichert verlassen werden.

Zum Inhalt

Jakob Aeberhard, der eben von seinem Amt als Oberlehrer zurückgetreten ist, feiert zu Hause mit seinen Kindern – drei Töchtern, wovon zwei verheiratet – und den Schwiegersöhnen seinen 60. Geburtstag. Dabei eröffnet er der Geburtstagsgesellschaft sein Vorhaben, sich wieder zu verehelichen. Diese Mitteilung schlägt wie eine Bombe ein und ruft die verschiedensten Reaktionen hervor: Enttäuschung, gekränkte Kindesliebe und hintergründige Eifersucht.

Die ganze Familie droht auseinander zu fallen. Anneli, die jüngste und am zartesten besaitete Tochter, ist froh, das Haus verlassen zu können. Sie will sich in England weiterbilden. Märthy reagiert am vernünftigsten und weiss den nötigen Anstand und Takt zu wahren. Sie findet auch am ehesten den Kontakt zur Stiefmutter. Leni dagegen, die ihrem Vater den Haushalt führt, lässt ihrem aufbrausenden und selbstsüchtigen Temperament die Zügel schiessen.

Die einzige, die in diesem Aufruhr der Gemüter nicht nur ruhig, sondern weise und gütig bleibt, ist die Fremde, die Unwillkommene. Doch auch ihre besten Eigenschaften vermögen den häuslichen Frieden nicht herzustellen. Leni, aufgestachelt durch eine Verwandte und auch zermürbt durch das passive Verhalten ihres Mannes Otto Kräuchi, lässt sich zu beleidigenden Äusserungen hinreissen. Marie, «die zwöüti Frou», gibt den nutzlosen Kampf auf und verlässt das Haus, um in ihr früheres Heim zurückzukehren. Wie sie ihre Stellung im Hause dennoch zurückgewinnt und die Herzen der Töchter für sich erwärmen kann, das bildet im dritten Akt den versöhnenden Abschluss des Schauspiels.